Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
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Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

Advent

Der Rauch schlug in die Küche, biß die Gudel in die Augen, ein Zeichen, daß der Wind schon vom Haff kam. Kam er vom Haff, kam er den nächsten Tag von Braunsberg, jagte die Wolken hinter die Tolkemiter Höhen, und die Kälte war da. Die Vögel würden nichts zu lachen haben am ersten Advent.
Kopernikus wollte aus dem Bett. Der Arzt schalt: am nächsten Sonntag vielleicht, keinen Tag früher. Also wiederum nur die Gedanken.
Da brachte der Mittag eine Überraschung. Die Kunde von seinem schweren Leiden und bevorstehenden Ende war bis Schalmey gedrungen. Sogleich hatte sich der alte Pfarrer aufgemacht, eine Lischke voll Butter, Eier, auch ein Stück vom Dezem-Schwein, sorglich in Stroh gepackt, auf einen Gelegenheitsschlitten nach Braunsberg geladen und noch unerfroren die Frauenburg erreicht.
Ein kümmerliches Häufchen Unglück, hockte er neben Ehrwürdens Bett, der nicht wußte, wie er seine Rührung verbergen sollte.
Holte nun Ei um Ei, Butter und Speck aus dem Stroh, legte es aufs Bett, und seine alten Augen glitzerten vor Freude; denn Ehrwürdens Aussehen erbarmte ihn.
Es wäre doch so, sagte der alte Pfarrer, daß Kopernikus sich seiner Wenigkeit immer angenommen habe, wenn es ihm böse ergangen sei. Er hätte wohl nicht geglaubt, noch einmal eine so weite Reise antreten zu müssen, würde aber keinen Frieden im Grabe gefunden haben, wenn er's nicht getan hätte. Nun könne er Gott, dem Allmächtigen und Gütigen, auf den Knien danken. Daß es keine Kerze sein könne, werde er ihm schon vergeben.
Dieser wollte ihn bei der Kälte nicht zurückfahren lassen, doch der Alte drängte:
„Advent, Ehrwürden, Advent!“
Kopernikus konnte ihm nur ein Krugchen seines besten Weins und Honigkonfekt ins Stroh packen lassen. Auch eine Kerze.
Es war die letzte Freude, die er ihm machen durfte; der Hornung nahm ihn mit.

Die Gudel behielt recht: der Advent zog grau und gelb auf Wolkenfetzen ein. Die Sonne hing weiß, wie gefroren, in ungeheurem, weit über den Himmel greifendem Strahlenkranz. Unter den Stiefeln schrie der Schnee, Kälte drang bis in die Knochen, und die Fischer stapften trotz des heiligen Tages aufs Eis, die Wuhnen offenzuhalten, damit das Gezeuge nicht fest wurde; denn das Haff begann zuzufrieren. Soweit das Auge trug, Eis. Die ersten paar tausend Schritte knietiefer Schnee, dann Glätte. In der Ferne, kaum vom Dom aus zu sehen, ungewiß durch weißen Dunst noch Wasser.
Bald würde man mit Pferd und Schlitten hinüberkommen - wenn es jemanden danach gelüstete außer den Nehrungsfischern, alten Preußen. Ein solcher war der Professor. Kein Abenteuer, das ihn nicht reizte. Man könnte darauf bis Königsberg laufen - oder reiten. Warum nicht? Zunächst freilich seine Tabula des Ermlands. - Und heute Braunsberg!
Doch in der Nacht hatte sich ein Wind aufgemacht aus Osten, „daß man sich darauf setzen könnte“, meinte Job; fuhr durch Ritzen und Löcher, jagte aus Häuschen und Hütten, was noch darin war an Wärme, fraß Nase und Ohren, wenn man sie zeigte. Nicht möglich, zu reiten: nicht für den Professor, auch nicht für Jörg. Zur Freude der jungen Maria, die ihr Herz an den ernsten Mann verloren hatte. Er sah sie nicht; er sah überhaupt keinen, machte sich nützlich und hielt die Ohren offen. Doch sie war glücklich, daß sie für ihn sorgen durfte.
Heut saß er vor einem Werktisch in der schwarzen Küche, wo Kopernikus einen steinernen Ofen hatte setzen lassen, das Haus zu erwärmen, in Gesellschaft des Professors bis in die späte Nacht; fuhren dabei beide über die Bihar und durch die Pußta, hörten den Sturm im Dach heulen, während die Funken in den Himmel stoben.

St. Nikolaus war längst vorübergeritten; die Kinder hatten ihre Klotzkorken geputzt, mit Hafer und Mohrrüben für sein Pferd vor die Fenster gestellt, zum Dank Äpfel, Nüsse, auch Honigtöpfchen eingeheimst, fürwitzige Mägde und Burschen auch Krautstrünke, Roßäpfel und so. Der Gemeindehirt hatte bereits vor den Häusern der besseren Bürger schauerlich das Christfest eingeblasen, zur lebhaften Genugtuung von Kindern und Hunden, und seine Weihnachtsbescherung eingezogen.
Jetzt begann es nach Honig zu duften und Pfefferkuchen, der Frauenburger Kapitelsvogt legte schmunzelnd den Holzhammer neben die Fässer mit Elbinger Bier. Die feierlichen Klänge der großen Antiphonen rauschten durch Kathedrale und Pfarrkirche. Christnacht stand vor der Tür.

Die Mutter knetete den Teig für den Christstollen, schüttete das Sauer dazu, daß er wohlschmeckend würde, holte den garen Honigkuchenteig aus dem Keller, formte ihn zu größeren und kleineren Stücken je nach Verdienst des Empfängers.
Es war alles bereit zu dem großen Fest des Jahres; nur der Schnee fehlte. Auf dem Marktplatz standen mehr Buden als sonst mit Kram und süßem Geschleck vor einer Ölfunzel, und aus dem Wald wanderten grüne Äste und Zweige, ja, ganze Bäumchen in die Kirchen und vor die Häuser. Selbst Birkenstämmchen, vor Wochen in den Eimer gestellt, grünten fürwitzig hinter dem Ofen, über die trübe Zeit hinwegzutäuschen.

Jetzt schien die Luft überzufließen von Weihnachten. Die Tage wurden immer dunkler, die Nächte länger; das Verlangen nach dem Licht wuchs und Hoffnung und Freude mit ihm.
Wie ein träumendes Kind lag die Domburg, finster, doch voll heimlichen Lebens. Kleriker, Ministranten eilten von Tür zu Tür, von Haus zu Haus. Das Almuz über pelzgefüttertem Talar und Superpelliz schritten Prälaten und Kanoniker durch die Tore und über den Hof; denn in Sakristei und Kathedrale war es kalt auch ohne Schnee und Eis, und sie waren alt. Und wandelten in der Dunkelheit Stocklichter vor vermummten Gestalten, ließen Birett und Pileolus matt erglänzen, oder huschten zur Chorzeit eilige Schatten durch den schwankenden Lichtfleck, den die Öllaterne unter dem Torgewölbe auf den Domhof zu werfen sich bemühte, so war es dem Professor, als weile er in einer anderen Welt, oder Märchen hätten Leben gewonnen. Darüber die Glocken, das melodische Summen und Schwingen der Antiphonen und Responsorien hinter den schwach schimmernden Fenstern, und draußen die dämmernde Weite, der graue Spiegel des Haffs - fürwahr eine andere Welt als das kursächsische Wittenberg! Und er selbst in den erwartungsvollen Kreislauf eingesponnen: in evangelischer Freudigkeit.