Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
Hörprobe 1
Hörprobe 2
Hörprobe 3
Hörprobe 4
Hörprobe 5
Hörprobe 6
Hörprobe 7
Hörprobe 8
Hörprobe 9

Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

Mai/Juni

Nun war er in der neuen, fremden Welt. Doch neben der Silberflamme des Dachreiters funkelte Deneb im Kreuz des Schwans, neben ihm die Wega. Die Sterne waren dieselben, und ihnen galt ja sein Weg.
Über die Stadtmauer wehte von zwei Stimmen ein schwermütiges Lied. - Mai im fernen Preußen.
Es gibt nichts Erregenderes als den Abend vorm Tor einer unbekannten Fremde.

Nach Fronleichnam wurden die Tage wärmer, und Kopernikus gestattete die Umsiedlung ins Sommerhäuschen.
Die Hitze war groß, beinahe wie im Sommer, der Himmel fast wolkenlos, Gewitter kamen und gingen, doch wenig Regen. Das Korn stand nicht gut; es blieb niedrig, fast zu üppig von Lila, Blau und prangendem Rot durchsetzt.
Frühmorgens stand Kopernikus am offenen Fenster seines Stübchens gegen Osten, sah nach den Schwalben, die über Baum und Mauer spielten. Ging dann im leichten geistlichen Habit, ohne Kopfbedeckung durch die Wege und Feldraine, einen Halm oder eine Blume in der Hand, und die Gesichter der Menschen waren nicht weniger hell, wenn sie ihn sahen, als beim hochwürdigen Bischof selbst. Die Kinder aber brachten Blümchen und Käfer, auch einen Schmetterling; denn immer wußte er etwas darüber zu sagen. Saß daher so manchesmal mit einem Häufchen in blauen und roten Kitteln um sich am Weg, lehrte und erzählte von Blumen und Sternen, und der graue Lockenkopf hob sich freundlich über die wirren blonden und braunen Schöpfe.
Abends der trauliche Ruf der Wachteln zwischen Weizen und Korn war der schönste Abschluß eines schönen, besinnlichen Tages, wenn er wieder bei Freund Tiedemann war. Da saßen sie plaudernd oder schweigend stundenlang; die langen, hellen Abende mit ihrem eigenartigen Zauber lockten zu langem Verweilen.
Das waren schöne Tage im Anfang des Juni. Und wenn er etwas vermißte, waren es Christiane und Rheticus und ihr fröhliches Lachen.