Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
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Hörprobe 2
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Hörprobe 9

Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

Jahresanfang

„Jetzt seht Ihr die Sonne zwei Monate lang nicht“, sagte Kopernikus. „Im Januar kommt sie wieder - vielleicht. Laßt Euch die Zeit nicht lang werden!“
Der Professor hatte nichts dergleichen im Sinn. Sechs Tage lang war er auf der Nehrung auf Bäume geklettert, hatte Stöcke in den Sand gesteckt, visiert, gemessen; stundenlang beim Trandocht des kopfschüttelnden Jodotsch Striche auf sauberes Papier gemacht. Der tanzende Spuk der Nebel, alle Schönheiten des verlöschenden Jahres waren im Hintergrund geblieben.
Jetzt war er täglich in der Kurie, zeichnete, rechnete, bis die Tinte endgültig verbraucht war, und neue angesetzt werden mußte, damit sie nicht mangle in der langen Zeit des Winters.

Der Tag war fast unwahrscheinlich warm, wie ein Wetterwechsel der Küste Preußens zuweilen beschert, so daß man glauben kann, am Ende des März, nicht des Januar zu stehen. So nahmen sie, warm in Pelz und Mütze, den kürzesten Weg auf den Damm an der Passarge, der zur Marienlinde führt, ganz warm in den Sonnenschein. Die Luft war kühl und gesund. Drüben braune Felder zwischen Stücken von Wald; doch alles leer.
Barb war des Glückes voll; sollten es die anderen nicht auch sein? Sogar die Bogumila wagte zu hoffen; denn es schien das Böseste wirklich überstanden.
Sie breiteten die Pelze, sie ein wenig ruhen zu lassen.
In zwei Tagen war Lichtmeß. Mauern und Türme der Stadt brannten in Licht und Schatten, in Fenstern blitzte die schräge Sonne; Kiefern und Erlen standen stachlig und kahl.
Sie sprachen nur wenig, sahen den Kindern zu, die sich mit dem Hund jagten.
Dann mußten sie wieder zurück.

Es hatte viel Schnee gegeben diesen Winter. Starke Winde verwehten Weg und Steg. Doch war das Haff Anfang Februar noch nicht zugefroren; so hatten die Fischer leichte Arbeit. Frauenburg lag von der Welt abgeschnitten. Man war es gewöhnt und ging seiner Arbeit nach, Domherr und Bürger. -
Der Fremdling fühlte sich wie auf einer verwunschenen Insel. Die weite Fläche des Eises; die dunklen Steilufer gegen Westen, die wie eine graue Mauer glänzten, wenn die Sonne im Mittag stand; die versunkenen, schweigenden Wälder im Süden, in denen Wachholder und Fichten sich tief beugten unter der Last des Schnees; die Domburg mit ihrer Kathedrale, das sich unter ihren Schutz duckende Städtchen, kleine, weißüberschüttete Holzhäuser - das alles umspann ihn mit einem Zauber der Fremde und des Abenteuers.
Ihm war wie einem, der am offenen Fenster über Büchern des werdenden Frühlings vergaß; und von irgendwoher über Mauern und Zäune streicht plötzlich der Duft blühender Traubenkirschen, verhallender Laut einer fernen Geige bricht sich in den Ranken wilden Weins. Noch weit von Wünschen bestimmter Art; nur, daß er den Baum suchen möchte, unter ihm zu sitzen, den betäubenden Duft zu atmen und der Geige zu lauschen, ja, kaum das, nur, daß es so bliebe, neu, fremd und berauschend, als könnte alles zerrinnen, wenn er nur den Fuß höbe.
Es war durchaus nicht so, wie Kopernikus gefürchtet hatte, daß Professor Joachimus sich wegsehnte; weit entfernt. Ja, ihm schien's, als hätte das Land erst jetzt eine Seele bekommen, als begänne das Märchenhafte, das ihm auf dem Weg von Elbing zur Frauenburg begegnete und sich im Bannkreis der Domburg noch tiefer färbte, Leben zu gewinnen, und seine Augen, die sich unter der Gewalt des neuen Erkennens nach innen und zu den Sternen gerichtet hatten, wieder zur Erde zu finden. Nicht, als ob ihm das schon klargeworden wäre; aber eine ihm fremde Unruhe hatte ihn ergriffen, unbekannt und lockend, wie das geheimnisvolle Land, das ihn umgab.