Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
Hörprobe 1
Hörprobe 2
Hörprobe 3
Hörprobe 4
Hörprobe 5
Hörprobe 6
Hörprobe 7
Hörprobe 8
Hörprobe 9

Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

„Ihr werdet noch manches erfahren, Herr, wenn Ihr länger hier verweilt, was ich Euch raten möchte. Man lernt nie aus; und nie genug. Dies Kapitel ist wert, gelesen zu werden.“ Er bückte sich, brach eine verspätete Akelei, nestelte die Blume am Wams fest.
Der Himmel hing in sattem Blau, ein feiner Silberhauch darunter wie bei gotischer Tafelmalerei. Wie köstlich der Atem des Waldes in seinem Mittagsschlaf! Es war gut, in der Tiefe zu reiten. Am Rand der Lichtung stürzte die Glut über sie wie ein wütendes Tier. In der Ferne, wild aufgetürmt, ein strahlender Wolkenberg.

Sie wollten Löbau vor Dämmerung erreichen; ließen die großen Seen und Wälder zur Rechten und Linken, hielten sich an die kleineren mit ihren Schlössern, großen Gütern und Vorwerken, wo genug Schatten blieb, obgleich der Himmel blau, die Hitze fast unerträglich geworden war; erreichten hinter Freudental die Drewenz und ritten ans Steilufer, zu ruhen.
Dann brach Job auf, Hochwürden Tiedemann zu unterrichten; die beiden Verlassenen freuten sich des bunten Bildes, der aufsteigenden Hügel und Wälder, horchten auf die leisen Geräusche der Arbeit, sahen Gräser, Blüten, und Kopernikus wußte über alles etwas zu sagen.

Da sich die Hitze noch immer steigerte, blieben auch die anderen Herren in Haus und Garten, suchten die Zeit wenn nicht nützlich, doch angenehm zu verbringen, stiegen lieber in den Keller als in die Bücherei, und waren der Meinung, daß Denken im Sommer schädlich sei.
Das war zwar Doktor Kopernikus auch und hatte mit seinen siebenundsechzig Jahren das Recht dazu; doch auf den Wegen und im Schatten des Apfelbaumes kamen Gedanken ungesucht, und Christiane war die aufmerksamste, immer wieder anregende Zuhörerin.

Die vier Reiter waren indess durch die Toreinfahrt unter dem Fachwerkbau des Bischofshauses mit dem Wappen des Bischofs Mauritius geritten, in welche die noch hoch über dem Westflügel des Stifts stehende Sonne ein grelles Viereck warf. Der geräumige Hof lag im Licht, und die Hitze des Nachmittags lastete fast körperhaft in ihm. Mit Freude sah Rheticus das trauliche Bild: vor sich und zur Linken, den massigen, hellverputzten Ziegelbau des Stifts, aufs erfreulichste gemildert durch die offenen Galerien des Erd- und Obergeschosses, unter deren Spitzbögen bläuliche Schatten dämmerten. Zur Rechten, wo über Archiv und Bücherei der Bau sich an Turm und Schiff des gewaltigen Domes schloß, wilder Wein im Schatten, während die beiden Linden noch zitternd in Hell und Dunkel spielten und ihre schwere Last auf die Erde warfen, durch deren Staub sich ein sickerndes Rinnsal nach der Durchfahrt zog.

Da nahm sie eine Handarbeit, stieg auf den Dom zur Bogumila und fand sie im Garten beim Wachs. Vom Hause her leuchteten bunte Astern und die dunklen Helme des Eisenhut. Im Gemüsegärtchen hingen am Zaun reife Scheiben der Sonnenrosen schwer zwischen den letzten gelben Blüten in der brennenden Sonne, und von Vaters Bienenstöcken strich der herbe Duft des Honigs herüber. Der Herbst war noch jung; man konnte sich seiner bunteren Schönheit freuen. Bisweilen rieselte freilich ein eisiger Hauch von oben durch die brütende Wärme, und ein rascher Schauder glitt über die Haut. Zu zeitig nach der Hitze dieses Sommers.