Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
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Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

Es hatte viel Schnee gegeben diesen Winter. Starke Winde verwehten Weg und Steg. Doch war das Haff Anfang Februar noch nicht zugefroren; so hatten die Fischer leichte Arbeit. Frauenburg lag von der Welt abgeschnitten. Man war es gewöhnt und ging seiner Arbeit nach, Domherr und Bürger. -
Der Fremdling fühlte sich wie auf einer verwunschenen Insel. Die weite Fläche des Eises; die dunklen Steilufer gegen Westen, die wie eine graue Mauer glänzten, wenn die Sonne im Mittag stand; die versunkenen, schweigenden Wälder im Süden, in denen Wachholder und Fichten sich tief beugten unter der Last des Schnees; die Domburg mit ihrer Kathedrale, das sich unter ihren Schutz duckende Städtchen, kleine, weißüberschüttete Holzhäuser - das alles umspann ihn mit einem Zauber der Fremde und des Abenteuers.

Der Tag war fast unwahrscheinlich warm, wie ein Wetterwechsel der Küste Preußens zuweilen beschert, so daß man glauben kann, am Ende des März, nicht des Januars zu stehen. Sie nahmen sie, warm in Pelz und Mütze, den kürzesten Weg auf den Damm an der Passarge, der zur Marienlinde führt, ganz warm in den Sonnenschein. Die Luft war kühl und gesund. Drüben braune Felder zwischen Stücken von Wald; doch alles leer.
Die Barb war des Glückes voll; sollten es die anderen nicht auch sein? Sogar die Bogumila wagte zu hoffen; denn es schien das Böseste wirklich überstanden.
Sie breiteten die Pelze, sie ein wenig ruhen zu lassen.
In zwei Tagen war Lichtmeß. Mauern und Türme der Stadt brannten in Licht und Schatten, in Fenstern blitzte die schräge Sonne; Kiefern und Erlen standen stachlig und kahl.
Sie sprachen nur wenig, sahen den Kindern zu, die sich mit dem Hund jagten.
Dann mußten sie wieder zurück.

Der weite Marktplatz war mit Kirchgängern übersät, die den zusätzlichen Feiertag, den schon wärmenden Sonnenschein genießen wollten. Vor Türen und Laubentreppchen schwatzten krumme Weibchen, den Rosenkranz noch in den Fingern, mit stattlichen Meisterfrauen, die Jüngsten an den Falten ihrer Röcke; Ackerbürger in langen Schafpelzen, runde Mützen auf dem Kopf, standen da und dort ruhig in Gruppen; es gab nichts zu besprechen, was nicht jeder schon wußte. Schwer lag der Schnee auf den Schindeldächern, jeder Zaunpfahl hatte sein Häubchen; die Domburg lastete grau und weiß über allem, warf dunkle Schatten über den kahlen Hügel und einen Teil der Häuser.
Ein Feiertag im preußischen Februar, wie man ihn gern hatte.
Die drei gingen die Feldgasse hinunter, immer wieder aufgehalten an Zaungattern und Hoftüren. Der Professor war kein Fremder mehr.
An der Schulgassenecke der rundliche Bürgermeister mit Frau und Töchtern, der es sich nicht nehmen ließ, den gelehrten Herrn zu einem Löffel Suppe einzuladen; ein Stück weiter Ehrwürden Emmerich, der das gleiche wollte, doch zu spät kam, sogar für den Abend; da war er bereits für Poghusers vergeben.
„Bei Kosmas und Damian, das nenn ich Beliebtheit!“ lachte er. „Selb blüht einem alten Krippensetzer nicht. Frauenburg ist doch nicht so arg, wie es erst aussieht.“