Foto eines Feldwegs in Ostpreußen

Aus dem ursprünglichen Manuskript
Hörprobe 1
Hörprobe 2
Hörprobe 3
Hörprobe 4
Hörprobe 5
Hörprobe 6
Hörprobe 7
Hörprobe 8
Hörprobe 9

Leseprobe Anfang





Aus der überarbeiteten Fassung
Leseprobe Anfang

Rheticus berichtete kurz.
„Ihr gedenkt, Diplomat zu werden?“
Rheticus verneinte.
„Es ist auch kein erfreulich Geschäft und bringt Feinde. - Ich höre, das Fräulein von der Schelling ist mit Euch gekommen. Das ist mir lieb, recht lieb. Sie reitet mit Euch nach Königsberg? Eine kluge, eine sehr kluge Frau. Es ist schön, so im Frühling zu reiten. - Da werden wir uns jetzt des öfteren begegnen, Herr Professor. Kommt Ihr auf den Landtag im Mai? Ich würde glücklich sein, mit Euch zusammenzuarbeiten: ich sehe ja, daß Eure Mission beim Herzog mit unseren Absichten konform geht.“
„Leider nein, Herr Propst. Ich bin im Mai in Wittenberg.“
„In Wittenberg? Das überrascht mich; Ihr wolltet Vermessungsarbeiten im Ermland - doch ich verstehe, Eure Schüler rufen nach dem Lehrer. Sehr bedauerlich.“
„Ich hoffe, zurückkommen zu können.“

Als die Rauchfahnen am folgenden Morgen über den Dächern der Stadt Braunsberg grellgelb in der frostklaren Luft flatterten, schritt Jungfrau Barbara Simon neben der Mutter züchtig über den langen Markt zur Pfarrkirche. Die zierlichen Pelzhandschuhe aus Saffian mit den breiten Stulpen, Pate Kopernikus` Christgabe, hatte sie in den Muff gesteckt und unter der dunklen Pelzmütze hervor drängte sich das blonde Haar um frischrote Wangen und helle Augen.
Es war im Hochamt nicht anders als an jedem Sonntagmorgen; doch, ob sie kniete oder stand, ob Evangelium oder Predigt, die Andacht wollte heut nicht kommen; selbst durch den Silberschall der Glöckchen glitzerte und leuchtete die Verheißung eines Traumes, der sie erschreckt und mit bebender Unruhe erfüllt hatte. Es half nichts, daß sie die Stirn gegen das Pult drückte, daß sie die Lichter zählte, daß sie ein Stoßgebet nach dem anderen zum Namensheiligen des Paten Nikolaus auf dem Altar neben ihr schickte. Da gab sie es auf und es sang in ihrem Herzen: „Juli! Vielleicht schon Juni!“ Und sie neigte den Kopf noch tiefer; da spürte sie auf der Brust die kühle Kapsel mit den Kirschblüten, und eine neue Welle heißen Blutes stieg in ihr auf.
Die Mutter aber verwunderte sich über die tiefe Andacht ihrer Jüngsten.

Frühmorgens stand Kopernikus am offenen Fenster seines Stübchens gegen Osten, sah nach den Schwalben, die über Baum und Mauer spielten. Ging dann im leichten geistlichen Habit, ohne Kopfbedeckung durch die Wege und Feldraine, einen Halm oder eine Blume in der Hand, und die Gesichter der Menschen waren nicht weniger hell, wenn sie ihn sahen, als beim hochwürdigen Bischof selbst. Die Kinder aber brachten Blümchen und Käfer, auch einen Schmetterling; denn immer wußte er etwas darüber zu sagen. Saß daher so manchesmal mit einem Häufchen in blauen und roten Kitteln um sich am Weg, lehrte und erzählte von Blumen und Sternen, und der graue Lockenkopf hob sich freundlich über die wirren blonden und braunen Schöpfe.
Abends der trauliche Ruf der Wachteln zwischen Weizen und Korn war der schönste Abschluß eines schönen, besinnlichen Tages, wenn er wieder bei Freund Tiedemann war. Da saßen sie plaudernd oder schweigend stundenlang; die langen, hellen Abende mit ihrem eigenartigen Zauber lockten zu langem Verweilen.
Das waren schöne Tage im Anfang des Juni. Und wenn er etwas vermißte, waren es Christiane und Rheticus und ihr fröhliches Lachen.

Auch Kopernikus hatte sich aufgemacht, Job hinter oder neben sich. Der Juli neigte sich schon seinem Ende zu, doch fröhlich sah er über Halme und Stoppeln den kommenden Tagen entgegen, frei von Amt und Pflichten, vom Drang der Zeit und beschwerlichen Gedanken, zur Freude der alten Geppe; denn je eingehender sich ihr Herr mit Pflanzen und Wurzeln beschäftigte, an Wiesenrändern über ihnen grübelte, desto mehr Zeit blieb ihr, das gleiche zu tun.
So erreichte er erst vor Abend des zweiten Tages Wormditt, sah schon Dach und Turm der Kirche gleich einer Flamme über den Büschen, bog aber zur Seite auf einen Feldweg, unter eine Weide.
Das Pfarrhaus in der Stadt, sein Ziel für diese Nacht, war finster, unfreundlich; hier draußen konnte er behaglich verweilen, Wagen und Bauern betrachten, die hin und wider zogen, zum Teil in Eile, die Stadt noch vor Toresschluß zu erreichen; freute sich des Anblicks der Kirche, ihrer Türme und Filialen, die als rotes Gewirr das Dach bedeckten und, von der abendlichen Sonne in Licht und Schatten geteilt, gleich zarten Flämmchen gegen das Blau des Himmels spielten. Ein tiefberuhigendes Bild, ein willkommener Tagesabschluß.